Kurzgeschichte: Herbsterinnerungen

Diesmal gibt es etwas ganz besonderes hier auf Pirates and Mermaids. Kat von sevenandstories und Julie von Die mit dem roten Lippenstift haben neulich zur Herbst-Blogparade gerufen. Das Besondere dabei: Jeden Tag gab es ein neues Thema, zu welchem eine kurze Geschichte geschrieben werden sollte. Ich schreibe wirklich gerne und Geschichten noch viel lieber, aber irgendwie habe ich mich nie getraut etwas online zu stellen.  Als ich dann von der Blogparade gehört habe, wollte ich das Thema zum Anlass nehmen, um etwas hier für euch zu veröffentlichen. Das  Montag-Thema „Herbsterinnerungen“ schien mir dafür sehr passend und ich hab sonntags bis spät in die Nacht getippt, um einen schönen Text für euch zusammen zu bringen. Montag Früh waren die Zweifel dann zu groß und ich hab mich einfach nicht getraut. Aber irgendwie ist mir der Text immer im Hinterkopf geblieben und ich konnte das ganze Projekt einfach nicht vergessen. Deshalb gibt es jetzt einfach mal einen extra Portion Mut meinerseits und einen Text zum Thema „Herbsterinnerungen“ für euch:

Herbsterinnerungen

,,Was uns bleibt, ist die Erinnerung“, hat er gesagt und sich umgedreht, ist davon gelaufen einfach so. Heute hängt sie an den letzten Erinnerungen, die ihr geblieben sind. Nachts ist es besonders schlimm. Wenn der Wind heimlich seinen Namen ruft. Langsam schleicht er in ihre Gedanken und hängt sich daran fest. Bleibt den ganzen Tag über da und lässt sie nicht los. Lässt sie immer wieder daran denken, an den letzten Tag im Oktober. ,,Wie schön du bist“, hat er gesagt und ganz zart ihre Lippen berührt. Gemeinsam sind sie durch den Wald gestapft. Die Blätter leuchteten in den schönsten Farben und irgendwann hat er ihre Hand genommen. Einfach so. Ein Feuersalamander querte ihren Weg. Blieb stehen und schaute sie an, als hätte er gewusst, dass morgen alles anders ist. Dass sie morgen getrennte Wege gehen. „Wäre er doch einfach geblieben“, denkt sie sich. Eine Träne kullert über ihre Wange. Ganz langsam, so als wüsste sie selbst nicht, ob eine Träne gerade passend wäre. Nächtelang haben sie darüber geredet, sich versprochen sich wiederzusehen. Immer wieder. Doch schon damals wussten sie, dass sie einander einfach angelogen haben. Haben im Garten Zelte aufgebaut, hatten schwarze Hände von den gebratenen Kastanien. Figuren daraus gebastelt – ein Einhorn es steht noch immer auf seinem Schreibtisch.

Manchmal denkt er noch an sie, an ihre braunen Augen und das grässliche Stirnband, das sie damals im Herbst getragen hat. Sie hat es selbst gestrickt, so hat es auch ausgesehen und trotzdem hat er es geliebt. Erinnert sich an ihr irrsinniges Lachen, der gemeinsame Besuch im Kino – viel zu scharfe Nachos. Und an den Geschmack ihrer Lippen, wenn sie Döner gegessen hatte. Es macht ihn verrückt, wenn seine Freundin einen Kürbis schnitzen will. Das war ihr Ding, ihre gemeinsame Erinnerung. Wie sie ungeschickt mit dem Messer handierte und anschließend eine Nacht im Krankenhaus verbrachten. Gemeinsam im viel zu kleinen Bett. Er hatte ihren Atem, die ganze Nacht an seiner Brust gespürt, hat sie beobachtet, als sie schlief.

Nachts ist es für sie am schlimmsten. Stundenlang liegt sie wach und sehnt sich nach seinem Schnarchen, sehnt sich nach den Geschichten, die sie gemeinsam erfunden haben. Haben darüber philosophiert wie es wäre, wenn sie sich schon früher kennengelernt hätten. haben sich eine gemeinsame Vergangenheit ausgedacht. Haben Gedichte geschrieben, Vers für Vers. Morgens verschlafen in die Arbeit stolpern und den ganzen Tag daran denken, wie sich die gemeinsame Nacht angefühlt hat.

Die letzten Sonnenstrahlen noch gemeinsam genossen, viel zu warm gekleidet und dann zu kalt. „Halt das“, hat er ihr damals gesagt, ihr sein dickes Notizblock in die Hand gedrückt, um sich seine Schuhe zusammen zu binden. Neugierig hat sie einen Blick darauf geworfen. Tausend Skizzen und Gedichte, Worte, die so schön wie eine gesamte Melodie klingen.

„Macht nichts“, das hat sie einfach immer gesagt. Das hat er noch von ihr. Immer wenn, er es sagt muss er daran denken, wie ihre Lippen die Wörter formten. Wie sie sich schon einen Spaß daraus gemacht haben. Gemeinsame Codewörter. Jeder nimmt eine Kleinigkeit vom Anderen mit. Kurios, wenn man die Wörter dann aus einem anderen Mund hört, so anders. Wie Schauspieler im Originalton. Fremd und falsch. Regen, wie oft hat es im letzten Herbst geregnet. Wie oft hat sie ihren Regenschirm vergessen. Durchnässt ist sie bei ihm angekommen. Hat danach sein viel zu großes T-Shirt getragen und noch immer zauberhaft darin ausgesehen.

Manchmal wünscht sie sich, sie hätten mehr Zeit gehabt, mehr als ein gemeinsames Monat. Vielleicht sogar für immer. Aber niemand weiß, wie es dann gewesen wäre. Ob die Nächte so magisch gewesen wären. Ob sie den Herbst überhaupt überstanden hätten und dann noch den Winter. Weihnachten und Silvester. Gemeinsam in das neue Jahr. Hand in Hand.

 

Danke an Mohnmariechen für die schönen Fotos!

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Lisa Höllebauer

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